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Vom Taler zum Euro

Anilin-Dollar

Jan Meyer, geboren am 15. Juni 1979 in Annaberg-Buchholz,  Vorstandsmitglied im Förderverein für das Karl-Otto-Braun-Museum in Oppau, stellt hier alte Zahlungsmittel aus Deutschland, insbesondere aus der Pfalz, vor.  Wir haben diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors  dem Begleittext zu seiner Dauerausstellung im Oppauer Karl-Otto-Braun-Heimatmuseum entnommen.

Reichsgründung, Währungsreform, Einführung der Reichsmark

Mit dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges (1870/71) und der Proklamation des preußischen Königs Wilhelm I. zum Deutschen Kaiser im Spiegelsaal von Schloss Versaille wurde die Einigung der deutschen Staaten ohne Österreich zum einheitlichen Nationalstaat beendet. Diesem Werke, des nunmehr Reichskanzler Otto von Bismarck, gingen fast zehn Jahre diplomatisches aber auch militärisches Kalkül voraus. So darf nicht vergessen werden, dass der Deutsch-Dänische-Krieg (1864, Einbindung von Schleswig und Holstein in den Deutschen Bund) und der sogenannte Deutsche Krieg zwischen Preußen und Österreich (1866, Ausschluss Österreichs aus dem Deutschen Bund, Gründung des Norddeutschen Bundes) ebenso zum Weg der Reichgründung gehören, wie der oben genannte Krieg von 1870/71.

Neben vielen anderen Schwierigkeiten, die sich mit der deutschen Reichsgründung einstellten, sollen hier nun die Probleme der Währungssysteme im Reichsgebiet betrachtet werden.

Mit der Reichsgründung hatte die deutsche Vielstaaterei ein Ende gefunden. Doch auf die 25 Bundesstaaten teilten sich sechs unterschiedliche Währungssysteme zuzüglich des französischen Franc in Elsass-Lothringen. Insgesamt waren 119 Münzen und 117 Banknoten von 33 Notenbanken im Reichsgebiet im Umlauf. Um diesem Geldchaos Herr werden zu können, war es wichtig, eine Währungsreform durchzuführen. Es wurde die neue dezimale Währung eine Mark zu je 100 Pfennig im Jahre 1871 geschaffen. Doch dies führte zu erneuten Problemen: die Umrechnung der einzelnen Währungen in die neue Mark.

Vereinfacht stellte sich dies wie folgt dar. Im norddeutschen Raum herrschte der Taler als Zahlungsmittel. Die Rechnung hier war relativ einfach:

1 Taler = 30 Groschen = 300 Pfennig = 3 Mark, dies entspricht 16,7g Feinsilber

Doch in Süddeutschland war der Gulden verbreitet und die Umrechnung war hier keineswegs so rund wie beim Taler:

1 Gulden = 60 Kreuzer = 240 Pfennig = 2,40 Mark, dies entspricht 9,5g Feinsilber

Um die Umrechnung zu erleichtern wurden amtliche Umrechnungs- und Rundungstabellen eingeführt.

Im Jahre 1875 wurde die deutsche Reichbank gegründet. Ihr oblag die Regelung des Geldumlaufs. Allerdings hatte sie nicht das Monopol auf die Notenausgabe. Es gab bis 1905 noch vier Privatnotenbanken mit Notenausgaberecht.

Die Einführung der Mark als neue Währung wurde nicht einheitlich durchgesetzt. So kamen die ersten Mark-Zahlungsmittel ab 1872 in Umlauf. Der norddeutsche Raum, sowie Hessen und Baden gingen am 1. Januar 1875 zur Mark-Rechnung über. Württemberg folgte am 1. Juli 1875 sowie Bayern am 1 Januar 1876. In dieser Zeit war ein ständiges Umrechnen zwischen Taler, Gulden und Mark das tägliche Geschäft. Dieser Umstand stärkte natürlich nicht die Akzeptanz der Mark in der Bevölkerung. Viele Menschen hatten Angst vor drohenden Verlusten beim Geldumtausch oder vor Überteuerung durch großzügiges Aufrunden beim Umrechnen der Preise.

Die hier folgenden Artikel aus der damaligen Zeit sollen einen Eindruck der Befürchtungen und Schwierigkeiten der Menschen vermitteln.

  1. "Die Befürchtung, daß der Übergang zur Markwährung eine Erhöhung der Preise zur Folge haben würde, hat sich glücklicherweise nicht verwirklicht.“
    Rheinischer Kurier, 7. Januar 1875
  2. "Gegen Ungebührlichkeit hat übrigen das Publikum auch seine Mittel, namentlich die Enthaltung. Wird für den Schoppen Bier, der bisher 5 Kreuzer kostete, jetzt zunächst 15 Pfennige (5¼ Kreuzer) gefordert, so wird für den Augenblick nichts zu machen sein; wo aber anstatt bisheriger 4½ Kreuzer, welche doch = 13 Pfennige sind, auch die anscheinend runde Summe von 15 Pfennige angesetzt wird, da bleibt eben der Trinker fern.“
    Schwäbischer Merkur, 8. Juli 1875
  3. „Sie, Herr Lehrer, können Sie mir sagen, wie man 4 Kreuzer in Reichsmünzen umwandelt?“ – „Jawohl, gib obacht! Nimm die 4 Kreuzer, zieh’ die Quatratwurzel daraus, zähle 830 dazu und dividiere mit 416 darein; was raus kommt nimmst Du doppelt und schaust auf die Münzumrechnungstabelle, wie viel 4 Kreuzer in neuer Münzwährung ist.“
    Fliegende Blätter 1876, Nr. 1621
  4. „Nicht kann ich länger gleich dem Thaler weilen, umsonst ist auch der äußerste Versuch, ich lasse nimmer mich in Marken teilen, und thät ich’s je, nicht ging es ohne Bruch“
    Der letzte Gulden, Fliegende Blätter 1876, Nr. 1595
  5. „Ich glaube, es ist kaum nötig, es zu begründen, daß es in dem Interesse des Verkehrs, im Interesse der ganzen Bevölkerung des Reichsgebiets liegt, aus dem gegenwärtigen Zustand des Hangens und Bangens zwischen zwei Systemen so rasch, wie er irgend ausführbar ist, herauszukommen.“
    Rudolf Delbrück, Präsident des Reichskanzleramtes, März 1873 im Reichstag

Der 1. Weltkrieg, Kriegsanleihen, Notgeld der Nachkriegszeit

Anfang des Zwanzigsten Jahrhundert glich Europa einem Pulverfass. Das politische Fingerspitzengefühl des Reichskanzlers Otto von Bismarck und sein ausgefeiltes Bündnissystem mit der Isolation Frankreichs, hatten ein Bild der trügerischen Ruhe in Europa geschaffen. Doch mit dem Rücktritt Bismarcks im März 1890 zerbrach langsam dieses System.

Der Machthunger der Großmächte nach Kolonien und imperialen Gebietsansprüchen stieg immer weiter. Neue Bündnissysteme in Europa entstanden und auch Frankreich konnte sich aus der bismarckschen Isolation befreien.

Zunehmende Konflikte in den Kolonien, das Wettrüsten zwischen der britischen und deutschen Marine, sowie die Auseinandersetzungen auf dem Balkan belasteten immer mehr die Beziehungen zwischen den europäischen Großmächten. Die Kriegsgefahr lag für jeden spürbar in der Luft. Jeden Augenblick konnte das Gewitter losbrechen und die Menschen würden es als Befreiung empfinden.

Am 28. Juni 1914 wurde der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie in Sarajevo von einen serbischen Studenten erschossen. Dies war der auslösende Funken, der das Pulverfass Europa zum Explodieren brachte. Mit der Kriegserklärung Österreichs an Serbien begann am 28. Juli 1914 der 1. Weltkrieg. Eine mörderische Maschinerie wurde in Gang gesetzt und Europa stand für fünf Jahre in Flammen.

Die Kriegsmaschinerie verschlang Unmengen an Geldern und belastet die Staatskasse, besonders da sich schnelle militärische Erfolge nicht einstellten und ein Ende der Kämpfe nicht abzusehen war. Deshalb gab die Reichsregierung Kriegsanleihen an die Bevölkerung in Form von Darlehnskassenscheinen aus. Diese konnten für den Nennwert in Reichmark erworben werden und galten als Ersatzzahlungsmittel.

1916 - Schlangestehen vor der Metzgerei Held, Friesenheimer-Strasse

Eine der Parolen damals war: „Wer Kriegsanleihen zeichnet, der verkürzt den Krieg!“ Am 29. Oktober 1918 kommt es zum Aufstand der Matrosen in Kiel. Im gesamten Reichsgebiet bilden sich Arbeiter- und Soldatenräte. Kaiser Wilhelm II dankt am 9. November 1918 ab und zwei Tage später kommt es zum Waffenstillstand. Der 1. Weltkrieg hatte sein langersehntes Ende gefunden.

Doch die Nachkriegswirren sollten noch viele Monate andauern. Der Weg zur Gründung der Weimarer Republik mit der Eröffnung der Nationalversammlung in Weimar am 6. Februar 1919 war noch lang und steinig. In dieser schwierigen Zeit haben viele Städte– so auch Ludwigshafen – Notgelder und Ersatzzahlungsmittel in Umlauf gebracht. Diese waren meist zeitlich und auf das jeweilige Stadtgebiet in ihrer Gültigkeit begrenzt.

1923 - BASF-Geld der Anilin-Dollar

Im Sommer 1923 erreichte die Inflation in Deutschland ein solches Ausmaß, dass die Reichsbank nicht mehr genügend Banknoten in Umlauf bringen konnte, um den Bedarf an unvorstellbaren Nennwerten zu decken. Fast alle Städte und Landkreise im Reich sahen sich nun gezwungen, eigene Notgelder in Umlauf zu bringen. Hierdurch wurde die Geldmenge ohne Gegenwert nochmals erhöht. Die Menschen versuchten schnellstmöglich Banknoten in Sachgüter, bevorzugt Lebensmittel umzutauschen, bevor der eben erhaltene druckfrische milliardenschwere Geldschein keinen Wert mehr hatte.

Den Höhepunkt erreichte die Inflation im Spätjahr 1923. Die unvorstellbaren Mengen an Bargeld konnten nicht mehr zur Verfügung gestellt werden. Firmen und Geschäftleuten waren dadurch nicht mehr in der Lage, die Löhne und Gehälter an ihre Mitarbeiter auszuzahlen. Um dieser Situation Abhilfe zu schaffen, erteilte die Reichregierung vielen Firmen, Geschäftleuten und sogar einzelnen Privatpersonen die Genehmigung eigene Notgelder auszugeben.

Auch die Badische Anilin- & Soda-Fabrik (BASF) Ludwigshafen hatte in diesen schweren Zeiten mit den Folgen der Geldentwertung zu kämpfen. Am 25. Oktober 1923 wurde eine eigene stabile Währung – der Anilin-Dollar – geschaffen. Er basierte auf dem Wechselkurs des US-Dollars zur Goldmark.
Für die BASF-Belegschaft hatte mit der Einführung dieser harten Währung die Inflation quasi ein früheres Ende.

An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass speziell für unsere Region die Zeit von 1918 bis 1924 besonders schwer war. Zum verlorenen Krieg und dessen Folgen, der Besetzung durch französische Truppen und den verheerenden Folgen der Hyperinflation kamen noch die Auswirkungen der schweren Explosionskatastrophe am 21. September 1921 in der BASF hinzu. Näheres dazu finden sie hier.

Durch die oben beschriebenen Maßnahmen wurde der Werteverfall der Mark mehr und mehr beschleunigt. Die Situation schien ausweglos und die Inflation schier nicht zu stoppen. Unruhen und Putschversuche waren an der Tagesordnung. Die Weimarer Republik stand am Rande des Zusammenbruchs.

Nur der Weg einer Währungsreform konnte den chaotischen Verhältnissen Einhalt gebieten. Diese wurde von der Reichsregierung stets hinausgezögert, doch im Herbst 1923 war sie unausweichlich. So wurde im Oktober 1923 eine neue, zusätzliche Notenbank – die Deutsche Rentenbank – gegründet. Die neugeschaffene Währung hieß Rentenmark.

Um dem neuen Geld, welches parallel zur alten Mark in Umlauf kam, die nötige materielle Deckung zu verschaffen, wurde der Rentenbank eine Grundschuld der deutschen Industrie mit haftendem Kapital sowie Hypotheken auf Agrarland verliehen. Hierdurch wurde ein stabiles Zahlungsmittel geschaffen welches wieder Vertrauen und Wertsicherheit mit sich brachte. Mit der Ausgabe der Rentenmarkscheine am 15. November 1923 hatte die Inflation ein Ende gefunden.

Doch die Einführung einer neuen Währung reichte freilich nicht aus, um das Zahlungssystem zu stabilisieren. Die Reichsbank musste durch restriktive Geldpolitik und die Regierung durch Sanierung des Finanzhaushaltes ihren Teil beitragen. So wurde die Steuerlast im Winter 1923/24 beträchtlich erhöht. Im August 1924 wurde die Rentenmark als Übergangswährung durch die Reichsmark wieder abgelöst. Sie musste wie die alte Mark durch Goldreserven und Devisen gedeckt sein.

Die goldenen Zwanziger, Weltwirtschaftskrise und der 2. Weltkrieg

Nach der Überwindung der Inflation begann das Leben in Deutschland sich langsam wieder in normalen Bahnen zu bewegen. Ein merklicher Aufschwung in der Wirtschaft war zu verspüren. Die Zeit der goldenen zwanziger Jahre war gekommen.

Mit dem Zusammenbruch der New Yorker Börse am schwarzen Freitag den 25. Oktober 1929 sollten diese goldenen Zeiten ein jähes Ende nehmen. Die Weltwirtschaft geriet in eine schwere Krise. Die Auswirkungen für Deutschland waren wieder von verheerendem Ausmaß. Das Reich war nach der Überwindung der Inflation von ausländischen Krediten, besonders von der US-Wirtschaft, abhängig geworden.

Die ausländischen Investoren zogen ihre Gelder aus Deutschland zurück, sodass die Geldmenge sich in Deutschland verknappte. Die Reichbank konnte den Bedarf an Banknoten nicht decken, da die Goldreserven hierfür nicht ausreichten. Viele Unternehmen und Banken gerieten somit unverschuldet in den Bankrott. Als Folge stieg die Arbeitslosigkeit sprunghaft an.

Diese erneute Verschlimmerung der Lage der Bevölkerung führte zur Radikalisier-ung. Rechte wie Linke Gesinnungen hatten in dieser Zeit großen Zuspruch. Es kam ständig zu Zusammenstößen und blutigen Auseinandersetzungen. Puschversuche rechten wie linken Ursprungs waren an der Tagesordnung. Der vorläufige Höhepunkt war mit der Machtergreifung der NSDAP 1933 erreicht.

Die nun folgende Zeit der nationalsozialistischen Politik führte letztendlich durch radikale Mittel zum erneuten bewaffneten Konflikt der Großmächte – den 2. Weltkrieg von 1939 bis 1945. Wieder wurde Europa in Schutt und Asche gelegt. Die Ausmaße der Verwüstung und Kriegsverbrechen übertrafen die des Krieges von 1914 bis 1918 um ein unermesslichen. Mit der bedingungslosen, totalen Kapitulation Deutschlands am 7. Mai 1945 ist der Krieg für Europa zu Ende und das Reich in vier besetzte Zonen der Siegermächte geteilt.

Über die Zukunft Deutschlands wurde in den Treffen der drei Großmächte Großbritannien, USA und der Sowjetunion in Jalta (4. – 11. Feb. 1945) und der Potsdamer Konferenz (17. Jul. – 2. Aug. 1945) entschieden. Doch hier zeigte sich, dass die Siegermächte keineswegs einer Meinung waren. Bedrohlich zeichnete sich ein neuer Konflikt zwischen Ost und West ab.

Wesentlicher Inhalt des Potsdamer Abkommens waren die fünf „D“: Denazifizierung, Demilitarisierung, Dezentralisierung, Demokratisierung und Demontage der Industrie als Reparation. Die vier Besatzungszonen sollten zu einem Staat unter Aufsicht der Großmächte zusammengeführt werden. Die Oder-Neiße-Linie sollte die Ostgrenze bilden.

Doch die Meinungsunterschiede zwischen Ost und West waren zu groß und die Zukunft sollte sich anders gestallten. Der „kalte Krieg“ hatte seinen Anfang genommen und sollte fast 45 Jahre andauern. Deutschland wurde zum Spielball zwischen Ost und West.

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